Worauf richten wir unsere Aufmerksamkeit?

07.09.2026

Warum digitale Achtsamkeit in einer Welt voller Reize immer wichtiger wird: Eine E-Mail kommt herein, während wir gerade an einer Aufgabe arbeiten. Auf dem Smartphone erscheint eine Nachricht. Im nächsten Moment öffnet sich ein neuer Tab, eine Benachrichtigung erinnert an einen Termin und schon ist der Gedanke bei der nächsten Aufgabe.

 

Viele von uns kennen solche Situationen aus dem Arbeitsalltag. Digitale Technologien machen vieles leichter und schneller. Gleichzeitig bringen sie eine Arbeitswelt mit sich, die von Informationsflut, ständiger Erreichbarkeit und häufigen Unterbrechungen geprägt ist. Mit dem zunehmenden Einsatz von KI kommen weitere Möglichkeiten – und weitere Reize – hinzu.

Wie gut gelingt es uns eigentlich, unsere eigene Aufmerksamkeit bewusst zu lenken?

Nicht nur die Bildschirmzeit ist entscheidend

Wenn wir über die Belastungen digitaler Arbeit sprechen, geht es häufig um die Dauer unserer Bildschirmzeit. Das ist nachvollziehbar – aber möglicherweise greift diese Perspektive zu kurz. Denn zwei Menschen können ähnlich viel Zeit mit digitalen Technologien verbringen und diese dennoch sehr unterschiedlich erleben. 

Entscheidend kann auch sein, wie wir digitale Technologien nutzen: mit welcher Absicht, mit welcher Aufmerksamkeit und mit welcher inneren Haltung. Genau hier setzt eine aktuelle Studie von Elizabeth Marsh, Elvira Perez Vallejos und Alexa Spence an. Die Forschenden haben untersucht, was sie als „Digital Mindfulness“ – digitale Achtsamkeit – bezeichnen. Darunter verstehen sie die Fähigkeit, digitale Technologien bewusst und aufmerksam zu nutzen.

Was bedeutet „digitale Achtsamkeit“?

Die Studie versteht digitale Achtsamkeit nicht einfach als eine Übertragung allgemeiner Achtsamkeit auf den digitalen Raum. Vielmehr wird sie als eine eigene, auf den Umgang mit digitalen Technologien bezogene Kompetenz betrachtet.

Die Forschenden entwickelten dafür eine Digital Mindfulness Scale, die drei Bereiche umfasst:

Intention: Mit welcher Absicht nutze ich eine digitale Technologie? Weiß ich, was ich gerade tun möchte – oder lasse ich mich eher von dem treiben, was als Nächstes auf meinem Bildschirm auftaucht?

Aufmerksamkeit: Wie bewusst bin ich während der Nutzung bei dem, was ich gerade tue? Bemerke ich, wenn meine Aufmerksamkeit abschweift oder ich zwischen verschiedenen Anwendungen und Aufgaben hin- und herspringe?

Haltung: Wie begegne ich mir selbst und der Situation, wenn etwas nicht funktioniert, ich abgelenkt werde oder die digitale Welt mich überfordert? Reagiere ich beispielsweise mit Frustration und Selbstkritik – oder kann ich mit einer gewissen Offenheit und Selbstfreundlichkeit damit umgehen?

Diese drei Dimensionen machen deutlich: Digitale Achtsamkeit bedeutet nicht, digitale Technologien möglichst wenig zu nutzen. Es geht vielmehr darum, bewusster mit ihnen umzugehen.

Digitale Achtsamkeit und Wohlbefinden

Besonders interessant sind die Ergebnisse der Längsschnittuntersuchung. Die Forschenden fanden Hinweise darauf, dass eine höhere digitale Achtsamkeit mit weniger Technostress und Erschöpfung sowie einem höheren Wohlbefinden zusammenhing. Dieser Zusammenhang zeigte sich auch dann, wenn demografische Faktoren, Technologie­nutzung und allgemeine Achtsamkeit berücksichtigt wurden. Damit lenkt die Studie den Blick auf einen wichtigen Aspekt digitaler Arbeit: Nicht nur die Technologie selbst oder die Zeit, die wir mit ihr verbringen, spielen eine Rolle. Auch unsere Art, mit ihr umzugehen, kann für unser Erleben relevant sein. Dabei ist es wichtig, die Ergebnisse nicht zu überdehnen. Digitale Achtsamkeit ist kein Ersatz für gute Arbeitsbedingungen und keine individuelle Lösung für strukturelle Probleme digitaler Arbeit. Die Forschenden betonen selbst, dass achtsamer Umgang mit Technologie Maßnahmen auf organisatorischer und technischer Ebene ergänzen, nicht ersetzen sollte.

Was hat das mit Achtsamkeit zu tun?

Die Verbindung zur Achtsamkeitspraxis liegt nahe. Achtsamkeit bedeutet unter anderem, wahrzunehmen, was gerade geschieht, und die eigene Aufmerksamkeit immer wieder bewusst auszurichten. Dabei geht es nicht darum, Ablenkung oder unangenehme Erfahrungen vollständig zu vermeiden. Vielmehr lernen wir, wahrzunehmen, was geschieht, und einen bewussteren Umgang damit zu entwickeln.

Gerade im digitalen Alltag kann dieser kleine Moment bedeutsam sein:

  • Eine Benachrichtigung erscheint – muss ich jetzt reagieren?
  • Ein neuer Gedanke taucht auf – möchte ich ihm folgen oder bei meiner aktuellen Aufgabe bleiben?
  • Ich öffne automatisch eine App – was wollte ich eigentlich gerade tun?
  • Eine Aufgabe gelingt nicht – wie gehe ich mit meiner eigenen Frustration um?

Zwischen einem Reiz und unserer Reaktion kann ein kleiner Zwischenraum entstehen. Und genau in diesem Zwischenraum liegt eine Möglichkeit zur bewussten Entscheidung.

Aufmerksamkeit ist eine Ressource

Vielleicht lohnt es sich deshalb, Aufmerksamkeit nicht nur als etwas zu betrachten, das wir für unsere Arbeit brauchen. Aufmerksamkeit ist auch eine Ressource, mit der wir bewusst umgehen können. In einer digitalen Welt, in der Unternehmen, Plattformen, Nachrichten und Anwendungen um unsere Aufmerksamkeit konkurrieren, wird die Fähigkeit, sie immer wieder selbst auszurichten, zu einer wichtigen Kompetenz. Dabei geht es nicht darum, jede Ablenkung zu verhindern oder ständig perfekt konzentriert zu sein. Achtsamkeit bedeutet gerade auch, zu bemerken, wenn wir uns verloren haben, und freundlich zurückzukehren. Das klingt unspektakulär. Vielleicht ist es aber gerade diese unspektakuläre Fähigkeit, die langfristig an Bedeutung gewinnt. Denn während sich Technologien, Tools und Anforderungen verändern, bleibt eine Frage bestehen: Worauf möchte ich meine Aufmerksamkeit richten – und wie möchte ich mit dem umgehen, was meine Aufmerksamkeit beansprucht?

Die aktuelle Forschung zu digitaler Achtsamkeit gibt Anlass, diese Frage genauer zu betrachten. Und sie zeigt: Der bewusste Umgang mit unserer Aufmerksamkeit könnte ein wichtiger Baustein für einen gesünderen Umgang mit der digitalen Arbeitswelt sein.

>>> Die Studie „The Digital Mindfulness Scale: Development and longitudinal validation in the workplace“ von Elizabeth Marsh, Elvira Perez Vallejos und Alexa Spence ist 2026 als Working Paper auf SSRN erschienen und wird 2027 in „Computers in Human Behavior“ veröffentlicht.